Konsent als Alternative für den Volksentscheid

Die deutsche Bundestagswahl ist vorbei. Und wir haben unsere Stimme abgegeben. Ob wir gewählt haben oder nicht. Das war’s dann mit unserem Mitbestimmungsrecht für die nächsten vier Jahre. Und eigentlich bleibt eh alles beim Alten, nur die AfD ist jetzt im Bundestag und wird sicherlich für noch mehr Schlagzeilen sorgen. In unserer indirekten, repräsentativen Demokratie läuft das nämlich so:

Die Wahlberechtigten dürfen wählen. Das sind 74% aller deutschen Mitbewohner.
Sie haben die Wahl zwischen Parteien und deren Abgeordneten, auf deren Programme und Entscheidungen haben sie keinen Einfluss und wenn sie bei den Parteien mitmachen nur bedingt.
Die gewählten Parteien und Kandidaten halten sich so gut wie nie an ihre Versprechen in ihrem Wahlprogramm, aufgrund dessen sie eigentlich gewählt worden sind.
Und dann machen sie sowieso was sie wollen, oder besser: was die Wirtschaft will, denn ohne die würde ja gar nichts funktionieren und schliesslich basiert unser deutscher Wohlstand auf ihr. Und wir können gar nichts dagegen sagen, denn: wir haben ja gewählt…
Ab und zu gibt es einen lokalen Volksentscheid, wie gerade zur Schliessung des Flughafen Tegel in Berlin, wahrscheinlich damit es keine Ausschreitungen gibt, denn: wir wurden ja gefragt. Aber an die Ergebnisse eines Volksentscheids muss sich in Deutschland auch niemand halten.

Viele Petitionen landen derzeit in meinem elektronischen Postfach. Der Tenor ist gleich: Wir haben unsere Stimme abgegeben und sind aber nicht zufrieden wie es läuft. Wir wollen unsere Stimme behalten!
Die Alternative soll jetzt eine Gesetzesinitiative sein um den Volksentscheid nach Beispiel der Schweiz einzuführen. Das wäre schonmal tatsächlich ein guter Schritt Richtung direkte, also tatsächliche Demokratie. Demos ist ja das Volk und das soll „kratieren“, also Macht haben und entscheiden. Aber der Einfachheit halber, sind die meisten Volksentscheide auch nur mit JA oder NEIN zu entscheiden. Meistens sind die ausgehenden Fragestellungen aber viel komplexer und ich habe eine differenzierte Meinung dazu, die sich nicht in einem Ja oder Nein abbilden lässt. Aber an dem Vorschlag kann ich nichts rütteln.

Wahlzettel Adolf Hittler

Eigentlich ist es heute nicht viel anders, oder?

Und zu guter Letzt funktioniert das alles doch nach dem Mehrheitswahlprinzip, auch der Volksentscheid. Die Mehrheit entscheidet, also wer über 50% aller Stimmen für sich gewinnen kann. Ein Lobbyspiel, oder auch Monopoly: Wer hat am meisten Geld und Macht mittels Meinungsbildung, Werbung, Fake News, Kampagnen und fiesen Tricks die Mehrheit für sich zu gewinnen.

Ich habe selbst vier Jahre in einer Medienagentur für sozial-ökologische Projekte gearbeitet. Wir haben Multi-Media Kampagnen zum Klimawandel, für Menschenrechte und nachhaltige Produkte entwickelt und durchgeführt. Wir hatten keine Chance, denn die NGO’s und Start-Ups für die wir arbeiten durften, hatten wenig Geld und wir haben unser Bestes getan um mit dem verfügbaren Budgets die beste Arbeit zu tun, die wir tun konnten. Die Webseiten, Filme und Kampagnen der Umweltzerstörer und Menschenversklaver wie Monsanto und Co. waren immer viel besser. Die Webseite von Monsanto sieht immer noch mehr „öko“ aus, als die der meisten unserer Kunden.

Vladimir Putin hat uns gezeigt, wie leicht Wahlen zu beeinflussen sind und jetzt wurde Trump „gewählt“. Sowieso egal ob da manipuliert wird oder nicht, wer sagt denn dass die Mehrheit Recht hat, oder geschweige denn eine fundierte und gebildete Meinung? Die Mehrheit ist nach statistischer Normalverteilung nicht besonders intelligent oder gebildet.
Ich sage immer:

Mehrheitsentscheide führen zu kollektiver Dummheit.

Ich bin nicht für eine Technokratie in der nur eine Elite Entscheidungen treffen sollte, das wäre auch nicht viel besser. Aber so geht es wirklich nicht weiter.

„Wir können ja sowieso nichts ändern“ höre ich oft. So ist es, Veränderung ist in der repräsentativen Demokratie nur schwer und sehr langsam möglich. Man könnte meinen, das ganze System ist systematisch designed um mit einer Scheinlegitimation die Leute zu regieren und Natur und Menschen auszubeuten.

Aber bevor wir in das Sumpfgebiet der Verschwörungstheorien abgleiten, möchte ich gerne endlich über eine Alternative sprechen: Konsent.

Konsent ist wie schon in der „klassischen“ Soziokratie der wichtigste Baustein von Soziokratie 3.0.
Es bedeutet, dass nicht die Mehrheit entscheidet, sondern das beste verfügbare Argument. Und das gilt eben so lange, bis es ein besseres Argument gibt. Wir sind also so lange im Konsent, bis jemand einen schwerwiegenden Einwand hervorbringt, was gegen den zu entscheidenden Vorschlag spricht. Das heisst Entscheidungen können sehr schnell getroffen werden. Ein gut vorbereiteter Vorschlag ist schon super, wenn nichts dagegen spricht. Wenn gut nachvollziehbare Argumente in einem Vorschlag enthalten sind und alle verstehen was zu entscheiden ist, kann die Entscheidung getroffen werden.

Einwände können alle Personen vorbringen, die von der Entscheidung, also dem Vorschlag betroffen sind. Und falls irgend jemand auch nachdem die Entscheidung konsentiert worden ist, einen Einwand entdeckt, herrscht kein Konsent mehr. Wir wollen den Einwand wissen, denn es ist, falls der Einwand begründet und nachvollziehbar ist, ein guter Grund warum der Vorschlag so nicht stehen bleiben sollte. Eine Möglichkeit der Verbesserung also. Dafür sind alle sehr dankbar und Einwände sind nichts schlechtes, sondern ein Geschenk eines Individuums für die Gemeinschaft.

Ich bin nicht im Konsent mit unserer Regierungsform und der Form wie Entscheidungen getroffen werden. Ich habe einen schwerwiegenden Einwand: Ich glaube wir können mit diesem System nicht zukunftsfähig leben und dass wir unsere Spezies auf diesem Planeten auslöschen und ein paar andere Spezies auch. Wir brauchen eine Technik der Entscheidungsfindung um die beste Entscheidung zu treffen, die wir treffen können und kein System in dem die kollektive Dummheit und Meinungsbildung von vorherrschenden Machtverhältnissen bestimmt wird.

Mein neuer Vorschlag lautet:

Lasst uns Volksentscheide mit der Konsentmethode einführen.

Das wäre schonmal ein super Anfang. Klar könnte man dann den Konsent ausweiten und alle bestehenden Strukturen wären für nachvollziehbare Einwände freigegeben, vieles würde sich dann verändern. Auch könnten wir dann an der Vorschlagsbildung mitwirken. Die Piratenpartei hat sich ja mit Liquid Democracy beworben. Auf ähnliche Art und Weise könnten wir technologische Tools dafür benutzen und sollten auch darüber nachdenken, wie wir Menschen ohne Internetzugang, technisches Verständniss und vielleicht sogar Lese- und Rechtschreibschwäche in die Entscheidungen mit einbeziehen können.
Ihr seht, ich habe nicht den endgültigen Masterplan, aber darum geht es hier auch gar nicht. Es gibt da sicherlich noch andere Menschen mit hervorragenden Ideen. Wir müssen ihnen nur die Chance geben, uns diese Ideen zu schenken. Ich würde natürlich erstmal klein anfangen und das auf lokaler Ebene als Prototyp testen und dann durch Feedback lernen und das System verbessern. Bis deutschlandweit Volksentscheide per Konsent durchgeführt werden können, muss sicherlich noch einiges passieren, aber warum sollten wir darauf warten damit anzufangen? Gibt es etwa schwerwiegende Einwände? Bitte nutzt gerne die Kommentarfunktion 🙂

Falls das tatsächlich umgesetzt werden würde und das ganze Erfolg hat, würden andere Länder sicherlich nachziehen wollen.

Die Soziokratie 3.0 hält noch andere sinnvolle Werkzeuge bereit, die wir für die Steuerung unseres Landes und als Menschen auf diesem Planeten ausprobieren und verbessern können. Der Weg ist weit, aber wir müssen endlich einen ersten Schritt machen, gemeinsam.

Wer sich noch mehr einlesen will, die Ursprünge der Soziokratie gehen auf Lester Frank Ward zurück, der ein Buch darüber geschrieben hat, wie sich die Menschheit sinnvoll organisieren kann, daraus ist später auch die Demokratie entstanden. Lasst uns aus dem Feedback lernen und einen Schritt zurück gehen, um zwei nach vorne zu tun!

Ich wähle ein anderes System

Ich habe bei dieser Wahl meinen Stimmzettel, aber nicht meine Stimme abgegeben. Denn nicht wählen wird ja interpretiert in: „Ja ist mir egal, macht was ihr wollt.“
Ich will wählen, aber keine der genannten Optionen. Da ich meine Meinung nicht von einer Partei repräsentiert sehe und ich meine oft diversivizierte Meinung von niemandem anders vertreten lassen will als von mir selbst, war für mich keine der Wahl-Optionen legitim. Obwohl ich denke das ein bedingungsloses Grundeinkommen auch eine super Idee ist, die einiges Verändern würde, kann eine Partei niemals alle meine Interessen vertreten.
Hätte ich eine der kleineren Parteien gewählt, die für das Grundeinkommen sind, wäre meine Stimme wahrscheinlich in der 5% Hürde verschwunden. Das habe ich übrigens von vielen gehört, vielleicht schon so viele, dass wenn auch noch die 30% wahlberechtigten Nichtwähler sie wählen würden, sie vielleicht schon im Bundestag wären. Aber was hilft das schon, ist ja immer noch nur repräsentative Demokratie.

Ich habe also bei dieser Wahl das einzige getan, was ich für richtig hielt – Ich habe ein weiteres Kästchen gemalt, Nr. 43 und geschrieben:

Ich wähle ein anderes System: Agile Selbstorganisation mit Soziokratie 3.0. Volksentscheide per Konsentverfahren. Mehr auf meiner Webseite http://s3lf.org

Ich bezweifele auch hier wieder, das das jemand liest oder das es etwas bringt. Aber zumindest hast Du diesen Artikel zu ende gelesen. Vielen Dank dafür und vielleicht können wir zusammen ja was verändern. Aber nicht in dem wir wählen gehen.

Wenn ihr euch für meine Ansätze interessiert, dann schaut euch doch mal meine anderen Projekte :http://project-earth.org und https://ecobasa.org an.

4 thoughts on “Konsent als Alternative für den Volksentscheid

  • Wer weiß ob wir diese unsere jetzige Demokratie jemals überwinden können. Doch langfristig ist es sicherlich wünschenswert, und mit dem Internet und geeigneter Software gibt es gewißlich schon die Tools, um den Konsent der Bevölkerung abzufragen.
    Doch die Kontrolle der Ergebnisse wird wohl auch weiterhin wie heute eine Vertrauensfrage bleiben

    • Bei Open-Source Anwendungen lässt sich ganz einfach im Quellcode kontrollieren, ob die Ergebnisse manipuliert werden können. Der Rest ist wie in der Soziokratie auch als Peer-Kontrolle einprogrammiert. Aber nicht wie auf Wikipedia (das lässt sich nämlich ganz leicht manipulieren), sondern mittels Konsent Mechanismus. Volle Transparenz und durch Einwände volle Mitkontrolle.

    • Hey Matti,
      gut dass fragst 🙂
      Also Systemisches Konsensieren und Konsent sind sehr unterschiedlich. Ich würde nicht sagen sie schliessen sich gegenseitig aus, und S3 ist ja sowieso Modular, spricht also nichts dagegen. Allerdings halte ich Konsent für die effektivere Methode für Entscheidungsfindung. Wenn es um die Wahl mehrerer Alternativen geht, dann bevorzuge ich die soziokratische Wahl, die S3lektion, wie ich sie bei S3 nenne.
      Schau mal, in meinem anderen Artikel hab ich Konsent mehr erklärt, falls du das systemische Konsensieren kennst, kannst du es vielleicht selbst vergleichen 🙂 http://s3lf.org/erklaerungen/konsens-und-konsent/

      Lieben Gruß,
      Arne

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