Systemisches Konsensieren vs. Konsent: Was ist der Unterschied?

Zwei Verfahren, oft verwechselt

Systemisches Konsensieren und Konsent klingen ähnlich und verfolgen dasselbe Ziel: Gruppen sollen gute Entscheidungen treffen, ohne dass eine Mehrheit die anderen überstimmt. Sie funktionieren aber grundverschieden. Beim Systemischen Konsensieren wählt eine Gruppe aus mehreren Vorschlägen den, gegen den es den geringsten Widerstand gibt. Beim Konsent wird ein einzelner Vorschlag so lange verbessert, bis niemand mehr einen begründeten Einwand hat.

In diesem Beitrag erkläre ich beide Verfahren, vergleiche sie und zeige, wann welches passt – und warum sie sich gut kombinieren lassen.

Was ist Systemisches Konsensieren?

Systemisches Konsensieren (auch SK-Prinzip) ist ein Verfahren, bei dem eine Gruppe nicht Zustimmung, sondern Widerstand misst. Entwickelt haben es die Österreicher Erich Visotschnig und Siegfried Schrotta; beschrieben ist es in ihrem 2005 erschienenen Buch „Das SK-Prinzip“.

Der Ablauf:

  1. Frage formulieren: Die Frage darf nicht mit Ja oder Nein zu beantworten sein – also nicht „Sollen wir ein neues Tool einführen?“, sondern „Welches Tool führen wir ein?“.
  2. Vorschläge sammeln: Möglichst viele Lösungen werden gesammelt, noch ohne sie zu diskutieren. Dazu gehört immer die Passivlösung: „Alles bleibt, wie es ist.“
  3. Widerstand bewerten: Jede Person vergibt für jeden Vorschlag 0 bis 10 Widerstandspunkte. 0 heißt „kann ich gut mittragen“, 10 heißt „lehne ich entschieden ab“.
  4. Auswerten: Die Punkte werden je Vorschlag addiert. Gewählt wird der Vorschlag mit dem geringsten Gesamtwiderstand.
  5. Bei Bedarf wiederholen: Hohe Einzelwerte werden besprochen, Vorschläge verbessert und erneut bewertet.

Die Passivlösung ist dabei der Maßstab: Schneidet sie besser ab als alle anderen Vorschläge, ist keiner davon gut genug – dann lohnt es sich, weiterzusuchen. Wichtig ist auch: Ein hoher Wert ist kein Veto. Er zeigt nur, wo es Gesprächsbedarf gibt.

Was ist Konsent?

Konsent ist das Entscheidungsverfahren der Soziokratie: Ein Vorschlag gilt, sobald niemand einen begründeten, schwerwiegenden Einwand hat. Ein Einwand zeigt, warum der Vorschlag dem gemeinsamen Ziel schadet oder deutlich besser sein könnte. Er wird nicht überstimmt, sondern in den Vorschlag eingearbeitet.

Statt mehrere Optionen gegeneinander abzuwägen, arbeitet Konsent also an einem Vorschlag, bis er für alle tragbar ist – „gut genug für jetzt, sicher genug zum Ausprobieren“. Wie das genau abläuft und wie es sich vom Konsens unterscheidet, erkläre ich in Konsens und Konsent.

Der Unterschied auf einen Blick

Systemisches KonsensierenKonsent
Ausgangspunktmehrere Vorschlägeein Vorschlag
Frage an die GruppeWie groß ist dein Widerstand gegen jeden Vorschlag?Hast du einen begründeten Einwand?
Gemessen wirdWiderstand, 0 bis 10 Punkteob ein Einwand besteht
Ergebnisder Vorschlag mit dem geringsten Widerstandein verbesserter Vorschlag ohne Einwand
Umgang mit Ablehnungfließt als Punkte in die Summe einwird geklärt und eingearbeitet
MaßstabPassivlösung „alles bleibt, wie es ist“das gemeinsame Ziel der Gruppe
Gruppengrößeauch sehr große Gruppen, schriftlich oder onlineam besten in überschaubaren Kreisen
HerkunftVisotschnig und Schrotta, Österreich, als Buch 2005Soziokratie, Niederlande, 1970er

Wann passt welches Verfahren?

Systemisches Konsensieren ist stärker, wenn es darum geht, aus vielen Optionen auszuwählen. Konsent ist stärker, wenn ein Vorschlag gemeinsam gut werden soll und die Gruppe danach damit arbeitet.

Systemisches Konsensieren eignet sich für:

  • Auswahlentscheidungen mit vielen Optionen, etwa ein Tool, ein Standort, ein Termin oder ein Name,
  • große Gruppen, in denen nicht alle miteinander sprechen können,
  • kontroverse Themen, bei denen ein Stimmungsbild hilft, bevor diskutiert wird.

Konsent eignet sich für:

  • Regeln, Rollen und Vereinbarungen, die ein Team im Alltag tragen muss,
  • Entscheidungen, bei denen einzelne Personen Wissen einbringen, das alle anderen nicht haben,
  • wiederkehrende Entscheidungen in Teams, die sich selbst organisieren.

Beide kombinieren

In der Praxis funktionieren die Verfahren gut nacheinander. Ein Beispiel: Ein Unternehmen sucht ein neues Projektmanagement-Tool. Mit Systemischem Konsensieren grenzen 40 Mitarbeitende fünf Kandidaten auf den mit dem geringsten Widerstand ein. Das Team, das die Einführung verantwortet, entscheidet danach im Konsent, wie das Tool eingeführt wird – und arbeitet dabei die Einwände ein, die beim Konsensieren als hohe Widerstandswerte sichtbar wurden.

Häufige Fragen

Was bedeutet Konsensieren? Mit Konsensieren ist meist das Systemische Konsensieren gemeint: Eine Gruppe bewertet mehrere Vorschläge mit Widerstandspunkten und wählt den mit dem geringsten Widerstand.

Ist Systemisches Konsensieren ein Konsens? Nein. Es kommt einem Konsens oft nahe, verlangt aber keine Zustimmung aller. Gewählt wird der Vorschlag, mit dem die Gruppe insgesamt am besten leben kann.

Was ist die Passivlösung? Die Option „alles bleibt, wie es ist“. Sie wird immer mit bewertet und zeigt, ob überhaupt ein Vorschlag besser ist als nichts zu ändern.

Kann man beim Konsent mehrere Vorschläge vergleichen? Nicht direkt. Konsent entscheidet immer über einen Vorschlag. Liegen mehrere vor, hilft ein vorgeschaltetes Stimmungsbild – zum Beispiel mit Systemischem Konsensieren.

Welches Verfahren ist schneller? Bei vielen Optionen und großen Gruppen meist das Systemische Konsensieren. Bei Vereinbarungen im Team meist der Konsent, weil der Vorschlag nicht perfekt sein muss, sondern nur „gut genug für jetzt“.

Fazit

Systemisches Konsensieren und Konsent sind keine Konkurrenten, sondern Werkzeuge für unterschiedliche Fragen. Das eine findet die beste Option unter vielen, das andere macht eine Option tragfähig für alle. Wer beide beherrscht, entscheidet schneller und mit weniger Widerstand.

Mehr dazu, wie Konsent in einer ganzen Organisation wirkt, liest du auf meiner Seite Was ist Soziokratie?.

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