Soziokratie, Holakratie und Soziokratie 3.0 im Vergleich

Drei Wege zur Selbstorganisation

Soziokratie, Holakratie und Soziokratie 3.0 versprechen dasselbe: Entscheidungen dort zu treffen, wo das Wissen sitzt – ohne dass jede Frage über den Schreibtisch der Geschäftsführung muss. Seit Frederic Laloux’ Buch „Reinventing Organizations“ werden sie oft gemeinsam als „Teal“-Ansätze genannt.

In der Praxis unterscheiden sie sich aber deutlich: darin, wie verbindlich sie sind, wie man sie einführt und wie viel Freiheit sie euch lassen. In diesem Beitrag stelle ich alle drei vor, vergleiche sie in einer Tabelle und sage, welcher Ansatz zu welcher Ausgangslage passt. Wer lieber zuhört: Im Video unten erkläre ich den Vergleich in wenigen Minuten.

Was ist Soziokratie?

Soziokratie ist eine Methode, mit der eine Organisation Entscheidungen im Konsent trifft und sich in verknüpften Kreisen organisiert. Der Begriff stammt vom französischen Soziologen Auguste Comte. Der niederländische Reformpädagoge Kees Boeke setzte die Idee in seiner Schule praktisch um. Sein Schüler Gerard Endenburg entwickelte daraus in den 1970er-Jahren in seinem eigenen Elektrotechnik-Unternehmen die Soziokratische Kreisorganisationsmethode (SKM).

Die SKM beruht auf vier Grundregeln:

  1. Konsent: Grundsätzliche Entscheidungen fallen erst, wenn niemand einen begründeten, schwerwiegenden Einwand hat. Konsent heißt nicht, dass alle begeistert sind – nur, dass alle damit arbeiten können. Den Unterschied erkläre ich ausführlich in Konsens und Konsent.
  2. Kreise: Teams mit klarem Ziel und eigenem Entscheidungsbereich.
  3. Doppelte Verknüpfung: Jeder Kreis ist mit dem nächsthöheren über zwei Personen verbunden – die Leitung und eine gewählte Delegierte. So fließen Informationen in beide Richtungen.
  4. Soziokratische Wahl: Personen werden offen, mit Begründung und im Konsent in Rollen gewählt.

Die bestehende Hierarchie bleibt dabei erhalten; sie wird um Kreise ergänzt, die mitentscheiden. Beraterinnen und Berater werden zertifiziert und müssen sich regelmäßig rezertifizieren. Die Methode muss nicht in einem Schritt vollständig eingeführt werden.

Was ist Holakratie?

Holakratie ist ein geschlossenes Regelwerk, das die klassische Führungshierarchie durch eine schriftliche Verfassung ersetzt. Brian Robertson entwickelte sie Mitte der 2000er-Jahre in seinem Softwareunternehmen und baute dabei auf Elementen der Soziokratie auf. Bekannt wurde sie vor allem durch den Online-Händler Zappos.

Die wichtigsten Elemente:

  • Verfassung: Die Geschäftsführung überträgt ihre Autorität formal an ein Regelwerk. Ab dann gelten dessen Regeln für alle, auch für sie selbst.
  • Rollen statt Stellen: Arbeit wird in Rollen mit Zweck, Domänen und Verantwortlichkeiten beschrieben. Eine Person hält meist mehrere Rollen.
  • Spannungen: Jede wahrgenommene Lücke zwischen Ist und Soll ist ein legitimer Anlass, etwas zu ändern.
  • Feste Meetingformate: Im Governance-Meeting werden Rollen und Regeln geändert, im Tactical-Meeting die operative Arbeit koordiniert. Einwände werden nach festen Kriterien geprüft.

Die Stärke von Holakratie ist ihre Klarheit. Ihre Schwäche ist dieselbe: Wer sie einführt, führt das ganze Regelwerk ein – mit einer eigenen Sprache, die für viele Teams anfangs fremd wirkt.

Was ist Soziokratie 3.0?

Soziokratie 3.0 (S3) ist kein festes System, sondern eine frei nutzbare Sammlung von Mustern für wirksame Zusammenarbeit. Bernhard Bockelbrink und James Priest haben sie ab 2014 entwickelt. Sie verbindet Ideen aus der Soziokratie mit Erfahrungen aus agiler Softwareentwicklung und Lean. Alle Materialien stehen unter einer Creative-Commons-Lizenz.

Das Besondere an S3:

  • Sieben Prinzipien bilden das Fundament: Wirksamkeit, Konsent, Empirie, kontinuierliche Verbesserung, Gleichwertigkeit, Transparenz und Verantwortlichkeit.
  • Rund 70 Muster (Patterns) beschreiben konkrete Werkzeuge, etwa für Meetings, Rollen, Entscheidungen oder Feedback. Ihr nehmt nur, was ihr gerade braucht.
  • Treiber stehen im Mittelpunkt: Jede Entscheidung beginnt mit der Frage, was gerade wirklich los ist und was die Organisation braucht.
  • Schrittweise Einführung: Ihr könnt mit einem einzigen Muster in einem Team starten, ohne die ganze Organisation umzubauen.

Die deutschen Muster findest du frei zugänglich unter patterns-de.sociocracy30.org.

Die Unterschiede auf einen Blick

Soziokratie (SKM) Holakratie Soziokratie 3.0
Entstanden 1970er, Niederlande Mitte 2000er, USA ab 2014, international
Charakter Methode mit vier Grundregeln Geschlossenes Regelwerk (Verfassung) Offene Sammlung von Mustern
Entscheidungen Konsent Integrative Entscheidung, Einwände nach Kriterien Konsent, ergänzt um weitere Muster
Struktur Doppelt verknüpfte Kreise Kreise und Rollen, festgelegt in der Verfassung Frei wählbar: Kreise, Rollen, Domänen
Einführung Schrittweise möglich, meist begleitet Als Ganzes, per Ratifizierung Muster für Muster, beliebig klein
Bestehende Hierarchie Bleibt, wird um Kreise ergänzt Wird durch die Verfassung ersetzt Bleibt, wird nach Bedarf verändert
Lizenz und Kosten Zertifizierte Beratung Marke, zertifizierte Beratung Frei (Creative Commons)
Passt gut für Organisationen, die eine erprobte Gesamtmethode wollen Unternehmen, die radikal und verbindlich umbauen wollen Teams und Unternehmen, die klein starten und lernen wollen

Mehr gemeinsam, als die Begriffe vermuten lassen

Viele Unterschiede sind eher sprachlicher Natur als inhaltlicher. Alle drei Ansätze teilen denselben Kern:

  • Entscheidungen fallen, wenn es keinen begründeten Einwand gibt – nicht erst, wenn alle zustimmen.
  • Verantwortung wird klar beschrieben und an Kreise oder Rollen übergeben.
  • Regeln werden regelmäßig überprüft und angepasst.
  • Macht verschwindet nicht, sie wird sichtbar und begrenzt.

Wichtiger als die Wahl des Ansatzes ist, ob eure Organisation bereit dafür ist. Welche Voraussetzungen erfüllt sein sollten, beschreibe ich in Wann Soziokratie (noch) nicht funktioniert.

Aktualisierung: Danke an Barbara Strauch (Soziokratie Zentrum Österreich) für ihre Hinweise zur SKM in den Kommentaren, die in diese Fassung eingeflossen sind.

Welcher Ansatz passt zu eurem Unternehmen?

Für die meisten Unternehmen ist Soziokratie 3.0 der beste Einstieg, weil sie klein anfängt und am konkreten Problem ansetzt. Als Faustregel:

  • Ihr habt ein konkretes Problem – zu lange Meetings, unklare Zuständigkeiten, Entscheidungen, die immer wieder aufgerollt werden: Startet mit einzelnen S3-Mustern in einem Team.
  • Ihr arbeitet schon agil mit Scrum oder Kanban und wollt die Selbstorganisation über das Team hinaus tragen: S3 lässt sich gut mit agilen Methoden kombinieren.
  • Ihr wollt eine erprobte, vollständige Methode mit zertifizierter Begleitung: Die SKM ist eine solide Wahl.
  • Die Geschäftsführung will Macht konsequent und verbindlich abgeben, und alle tragen das mit: Dann kann Holakratie passen. Plant dafür ausreichend Zeit und Begleitung ein.

In meinen Workshops und im Coaching arbeite ich mit Soziokratie 3.0 und greife dort, wo es hilft, auf Elemente der anderen Ansätze zurück.

Häufige Fragen

Was ist der Unterschied zwischen Soziokratie und Holakratie? Soziokratie ergänzt die bestehende Organisation um Kreise, die im Konsent entscheiden. Holakratie ersetzt die Führungshierarchie durch eine verbindliche Verfassung mit festen Rollen und Meetingformaten.

Was ist der Unterschied zwischen Soziokratie und Soziokratie 3.0? Die klassische Soziokratie ist eine Methode mit vier festen Grundregeln. Soziokratie 3.0 ist eine offene Sammlung einzelner Muster, die ihr nach Bedarf auswählt und kombiniert.

Was bedeutet Konsent? Eine Entscheidung gilt, wenn niemand einen begründeten, schwerwiegenden Einwand hat. Ein Einwand zeigt, warum ein Vorschlag dem gemeinsamen Ziel schaden würde – persönliche Vorlieben zählen nicht.

Gibt es in der Soziokratie keine Chefs mehr? Doch. Führung bleibt, sie wird aber transparent gewählt, begrenzt und regelmäßig überprüft.

Wie lange dauert die Einführung? Mit Soziokratie 3.0 könnt ihr nach einem Workshop-Tag mit ersten Mustern starten. Ein Umbau der ganzen Organisation dauert, unabhängig vom Ansatz, eher Monate bis Jahre.

Fazit

Soziokratie, Holakratie und Soziokratie 3.0 teilen dieselben Grundideen, unterscheiden sich aber darin, wie viel sie euch vorschreiben. Holakratie ist das verbindlichste Paket, die SKM eine erprobte Gesamtmethode, Soziokratie 3.0 der flexibelste Einstieg. Entscheidend ist nicht das Etikett, sondern ob der Ansatz zu eurer Ausgangslage passt.

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2 thoughts on “Soziokratie, Holakratie und Soziokratie 3.0 im Vergleich”

  • Eine im Großen und Ganzen eine sehr gelungene Zusammenstellung der Gemeinsamkeiten und auch der Unterschiede zwischen diversen Abwandlungen der ursprünglichen SKM – Soziokratischen KreisorganisationsMethode von Gerard Endenburg. Mit nur wenigen kleinen Unrichtigkeiten, die ich seitens TSG – The Sociocracy Group, weiter unten richtigstellen will. TSG ist eine soziokratisch organisierte Gruppe von Organisationen, die sich in der TSG-Stiftung von Gerard Endenburg, der SKM-Quelle, zusammengeschlossen haben. Wir als Soziokratie Zentrum Österreich sind seit 2013 Teil davon und erleben dort wie die Soziokratie wirklich gelebt wird, sich durch das eingebaute Feedback weiterentwickelt und sich in der Gesellschaft immer mehr ausbreitet. Die Soziokratie leben wir in TSG mit allen Herausforderungen für alle Mitglieder, die sich dazu entschlossen haben, ihre Grundsätze gemeinsam zu entscheiden, ohne jemanden zu übergehen.

    Wir bilden zertifizierte Soziokratie-BeraterInnen aus, weil die Änderung der Haltung in Richtung einer gemeinsamen Entscheidungskultur dem Individuum in einer bestehenden Organisation und ganz generell in einem bestehenden Gesellschaftskonzept viel abverlangt. Unsere BeraterInnen machen in 2 – 4 Jahren ausreichend Selbsterfahrung mit der Gleichwertigkeit bei der Beschlussfassung in einer soziokratischen Kreisstruktur und haben mindesten zwei Organisationen unter Supervision bei diesem Change-Prozess begleitet. Im ganz eigenen Entwicklungsprozess findet ein angehender CSE – Certified Sociocratic Expert für sich den eigenen Weg mit der „leeren Methode“. Die „leere Methode“ mit ihren vier Basisprinzipien zur Herstellung echter Gleichwertigkeit, sowie die vielen hilfreichen Applikationen für das Arbeiten im Kreis (siehe das Buch „SOZIOKRATIE Das Ende der Streitgesellschaft“), werden von jedem/jeder zertifizierten BeraterIn zuerst in der Tiefe verstanden, bevor sie damit ihre eigene Ausprägung findet und Organisationen berät. Ein CSE – Certified Sociocratic Expert kann und soll auch Elemente von S30 in sein Angebot aufnehmen oder Holacracy-Teile, was sich nicht ausschließt. Es hat sich auch gezeigt, dass viele angebliche Unterschiede allein durch die unterschiedlichen Ausdrücke als „Unterschiede“ kommuniziert wurden. Das Wording in S30 und Holacracy stammt großteils von dem TSG-Leiter John Buck (SKM nach Endenburg), bei dem sowohl Brian Robertson (Holacracy) als auch James Priest (S30) die SKM gelernt haben. Als Beispiel der Satz: „Good enough for now and safe enough to try,“ stammt von John Buck, TSG.

    Korrigieren will ich in der Darstellung von Arne Bollinger dass wir uns nicht jedes Jahr, sondern alle 3 Jahre mithilfe eines kurzen Re-Zertifizierungsberichtes vergewissern wollen, dass eine zertifizierte Soziokratie BeraterIn sich auch persönlich und fachlich weiterentwickelt hat. Wir arbeiten als SKM-BeraterInnen in soziokratischen Teams zusammen, denn man sollte nicht „Wein predigen und Wasser trinken“. Und wir vermitteln an keiner Stelle, dass die SKM komplett eingeführt werden MUSS, sondern weisen immer darauf hin, dass sich die Gleichwertigkeit aus unserer Erfahrung bald wieder verabschiedet, also nicht nachhaltig bestehen bleibt, wenn die Soziokratische KreisorganisationsMethode nur halbherzig oder unprofessionell umgesetzt wurde.

    • Danke Barbara für die Richtigstellung und die Aufklärung über die Details!
      Da ich mit euch nicht so viel zu tun habe, sind wohl ein paar Missverständnisse im Video gelandet, leider war das eine spontane Aktion aus dem Stehgreif und ich hatte nicht wirklich Zeit zu recherchieren und mir alle Informationen von den aktuellen Vertretern der einzelnen Methoden einzuholen. Um so toller, dass du dich hier meldest!
      Ich würde die Informationen gerne in den Artikel einbinden und mich zumindest dort korrigieren. Das Video nochmal zu drehen wäre zu viel Aufwand, das mache ich dann vielleicht einfach wenn ich das nächste produziere!
      Mit SEOC gab es auch den Versuch eine soziokratische S3 Gemeinschaft zu gründen und Qualifizierungsrichtlinien und Prozesse auszuarbeiten. Wir starten gerade einen zweiten Anlauf. Ich teile übrigens eure Ansichten und versuche Qualitätssicherung and Management in der S3 Bewegung zu verankern. Vielleicht kann ich mir irgendwann nochmal eine Zertifizierung bei euch leisten, die Beraterkriterien erfülle ich ja schon. Vorher habe ich mich auch nicht getraut das offiziell zu vermitteln.

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